Geplante digitale Obsoleszenz

Geplante digitale Obsoleszenz – Wenn das künstliche Ende von Hardware durch entsprechende Software herbeigeführt wird

Ich hab ein iPhone 3GS. Es hat ein paar Risse im Backcover und dort wo der Stromanschluss ist / war, muss man kurz überlegen wie das Stromkabel richtig hineingehört. Aber es funktioniert eigentlich tadellos. Der Akku hält noch immer einen ganzen Tag aus und wenn ich mit Endomondo meine, zugegebenermaßen eher spärlich gesäten, sportlichen Events tracke, dann schafft es auch noch immer gut 4,5 Stunden GPS-Punktierung.

Es wird „awesome“!

Das zumindest verspricht Apple bei jedem Event. Es ist besser, dünner, schneller, einfacher und vor allem neuer als das was vorher war. Vergesst die Vergangenheit, lass die Zukunft in dein Herz. Das geht natürlich nicht nur mit den Produkten sondern auch mit dem Betriebssystem. Von iOS 3 bis heute auf iOS 6.0.1, wenn dein Gerät nicht allzu alt ist, darfst du es herunterladen und es mit neuen Funktionen schmücken. Dass dabei das ältere Modell immer eine Spur langsamer wird muss man bei den tollen neuen Funktionen einfach in Kauf nehmen.

Natürlich wird dem Konsumenten nicht gesagt, dass das neue Betriebssystem nicht wirklich optimiert wurde für sein alterndes Gerät, wie sollte man auch, der Hardwareunterschied wird einfach immer größer. Aber hey es ist Apple, toller Service oder? Ich hab nun iOS 6.0.1 also das selbe Betriebssystem das auch das neue iPhone 5 hat! Auf einem 3,5 Jahre alten Handy. Mit nicht mal 10% der Rechenleistung im Vergleich zu seinem neuesten Modell.

Die Technik von heute ist Morgen die Technik von Gestern

Wir leben heute in einer Welt in der wir umgeben sind von technischen Lösungen die wahrscheinlich morgen schon wieder soweit veraltet sind, dass sie entweder ein Hardwareupdate benötigen oder ausgewechselt werden müssen. Wir haben uns daran auch gewöhnt. Wenn der Vertrag eines Mobiltelefons zu Ende ist, dann wird ein neues gekauft, mit dem alten kann man nichts mehr machen. Das Glauben wir zumindest, weil so wird es ja auch in der Werbung suggeriert.

Digitale Obsoleszenz

Der Begriff digitale Obsoleszenz beschreibt das Problem wenn neue (bessere) Medienformate auf den Markt kommen und die alten Medienformaten entsprechend obsolet werden. Damit einher geht oftmals das Sterben der alten Hardware welche benötigt wurde um entsprechende Medienformate zu lesen. Das umfasst nicht nur Speichermedien sondern oftmals auch Datenformate und -Lösungen welche zum Beispiel auch spezielle Hardware vorausgesetzt hat.

Die geplante Obsoleszenz

Von der geplanten Obsoleszenz haben wahrscheinlich schon die Mehrheit der Leser hier gehört. Es geht darum, dass viele Produkte heute so entworfen werden, dass sie nach einer bestimmten definierten Zeiteinheit den Konsumenten zu einem Kauf eines, zB. Nachfolgemodell animieren. (Wie das passieren kann, überlasse ich der Erfahrung und Fantasie der Leser) Das ist natürlich sehr praktisch, weil so der Produktlebenszyklus verkürzt wird und in einer kürzeren Zeitspanne mehr Produkte verkauft werden können.

Zauberbegriff: Geplante digitale Obsoleszenz

Wenn wir nun ein Mobiltelefon kaufen, wird es wahrscheinlich kein schnödes Mobiltelefon mehr sein, sondern ein Smartphone mit Multicore, HD Touchscreen, Grafikkarte zum Spielen und allem möglichen Pling Plong von dem wir wahrscheinlich die Hälfte nie verwenden werden. Eingefasst ist die Kaufentscheidung heute auch bereits von der Wahl zu welchem Betriebssystem ich greife. Wird es iOS von Apple, doch lieber ein Android von Google oder geben wir Windows noch einmal eine Chance? Oftmals geht es dabei um mehr als um die eigentliche Funktion des Smartphones, das Phänomen des Fan-Boy/Girl-sein ist bereits alltagstauglich geworden.

Unabhängig von alledem hängt über uns aber ab sofort immer ein Damoklesschwert mit der Frage, wie lange werde ich das Gerät nutzen, weil günstig sind die Geräte ja auch nicht und wird es eigentlich so lange halten?

Die Antwort ist relativ simpel: Nämlich so lange der Hersteller das will.

Und das wird uns in Zukunft auch in allen Bereichen so passieren, denn die Hardware dieser kleinen „Wundergeräte“ sind nicht schlecht, genauso wenig wie ein alter Computer mit Single-Core schlecht ist, aber mit jedem Update werden die Komponenten immer ein weniger mehr überladen bis schlussendlich das Gerät soviel an Usability verloren hat, dass es keinen Spaß mehr macht es zu benutzen.

Das nennt man dann geplante digitale Obsoleszenz. Die Hardware ist noch in einem einwandfreien Zustand und könnte die ihm zugesprochenen Funktionen auch im Alltag noch ohne Probleme bewerkstelligen. Durch die Einspielung neuer Softwareupdates und das optionale unterbinden zu einem Downgrade (wie Apple es zum Beispiel mit iOS macht) wird die Hardware jedoch künstlich verlangsamt und der Kunde zu einem Hardware-Upgrade verleitet.

Das Ende vom Anfang

Ich hatte ein iPhone 3GS, es hat nun iOS 6.0.1 aufgespielt und ist nicht mehr wirklich nutzbar. Wenn ich Texte eingebe, darf ich immer schon Sätze virtuell vortippen, welche dann wie von Zauberhand nachgeschrieben werden. Die Apps welche nun für das neue Betriebssystem und natürlich die neue Hardware optimiert wurden starten nur mehr sehr zeit verzögert und geben oft ihren Dienst schon vorzeitig wieder auf. Es gibt Zeiten da wünsche ich mir iOS 3.0 zurück, wo alles noch „awesome“ war, aber das geht ja leider nicht mehr.

Ich hab mir nun ein iPhone 5 gekauft.

 

Quellen

Ken Quick and Mike Maxwell: Ending Digital Obsolescence

Kenn Rockwell: DIGITAL OBSOLESCENCE: FutureTrash

 The Economist: Planned obsolecence

Apple: Suche – Downgrade

(Gegen)Trend


Matthias Horx, er gilt als einer der einflussreichsten Trendforscher im deutschsprachigen Raum, hat sich in seinem Buch „Was ist Trend“ gemeinsam mit Peter Wippmann die Grundfrage gestellt, warum wir oft an Trends glauben wie an eine Religion. Dabei wurden auch verschiedene gesellschaftliche Trends herausgearbeitet, von denen ich in diesem Artikel auf zwei näher eingehen werde.

Die Wurstanalogie

[..] Die klassischen Sozialwissenschaften neigen dazu, die Wurst durchzuschneiden und auf Grund der Ergebnisse einen Rückschluss auf das Ganze zu ziehen. Die Trendforschung hingegen versucht die Wurst als ein Ganzes zu erfassen und danach zu handeln. [..]

Zwei Säulen zum anlehnen

Als Grundpfeiler an denen sich Trends anlehnen wurden zwei Säulen identifiziert, welche sowohl gesellschaftlich als auch emotional die Stärke besitzen eine Veränderung hervorzurufen.

Mode: Diese ist, auch heute noch, eines der absoluten Zugpferde um Veränderungen und Trends hervorzurufen. So gab es vor 10 Jahren bereits genügend Diskussionen über die moderne Jugendkultur und laute Stildebatten, was denn nun erlaubt sei und was nicht. Auch heute können, obwohl wir in einer stark globalisierten Welt leben, sehr eindeutige und starke Modetrends (als Beispiel wäre das derzeit stark verbreitet Modetrend ‚Hipster‘ zu nennen) identifiziert werden.

Wertewandel: Horx und Wippermann beschreiben in ihrem Buch das Ende des militärischen-industriellen Imperium und den Zusammenbruch des Ostblocks als einen der Zeitpunkte in denen der Wertewandel am stärksten zu spüren war. Dies ist auch wichtig um Trends auszubilden, denn erst durch diese gesellschaftliche Veränderung werden Wege geöffnet, welche eine neue Richtung erlauben.

Wenn das Eis schmilzt

Die ‚Verflüssigung‘ unserer bestehenden Kultur als Geburtsstunde von Trends. Wir versuchen uns an Dingen festzuhalten, die uns nicht weiter die Möglichkeit geben uns festzuhalten. Wir werden mitgerissen von Strömungen, die wir selbst schon lange nicht mehr beherrschen können. Aber was hat der Trend nun damit zu tun? Er gibt uns die Möglichkeit aufgrund von statistischen Berechnungen und Methoden eine scheinbare Leitlinie zu formen, der wir folgen können. Er ermöglicht es uns, an etwas festzuhalten, was eigentlich die ganze Zeit in Bewegung ist. Es gibt uns Sicherheit die Gegenwart bis in die Zukunft zu überstehen.

Trend: Die Beschleunigungsgesellschaft

Das Phänomen sich nicht mehr festhalten zu können, beschreiben Horx und Wippermann als autopoitische, dynamische Gesellschaftsprozesse. Das Gefühl, nicht hinter gesellschaftspolitischen Entwicklungen nachzukommen und der Verlust in einer, subjektiv gesehen, sicheren Umgebung zu leben ist nicht länger nur Einbildung. Veränderungen sind heute global und derart schnell, dass es für einen normal sterblichen Weltbürger oft nicht mehr nachzuvollziehen ist, warum gerade was passiert. Jedoch ist dieses Gefühl der Beschleunigung nichts anderes als die Zunahme an immer komplexeren Mechanismen mit denen wir interagieren müssen. Horx und Wippermann nennen es die Verkomplexisierung unserer Umgebung und beschreiben die Trendforschung dabei als „die Anwendung der Komplexitätstheorie auf Gesellschaftsprozesse – und die Anwendung so gewonnener Erkenntnisse auf wirtschaftliche Bereiche.“

Trend: Sinn-Gesellschaft und der Soft-Individualismus

Der Wandel von einer Erlebnis-Gesellschaft hin zu einer Sinn-Gesellschaft passiert nicht von heute auf morgen. Um eine Veränderung anzustoßen, benötigt es in erster Linie ein neues Umwelt-Paradigma, welches ermöglicht  innerhalb der gefestigten Strukturen des Hedonismus einen Bruch hin zu einem Soft-Individualismus durchzuführen. Die Phase zwischen dieser Veränderung werden als Elektrizismus bezeichnet und formen eine Zeit der paradoxen Phase. „Das Alte hat noch nicht aufgehört und das Neue noch nicht angefangen“. Der Soft-Individualismus ist dieser Form in gewisser Art und Weise ein Remix zwischen autoritativen und selbstzentrierten Werten und gespeist von Leitwerten wie – Freundschaft, Gegenseitigkeit, Fairness und Ehrlichkeit. Die ermöglicht zudem den Absturz des Paradigmas der „Ich-Kultur“ und den Aufbau einer neuen Sinn-Gesellschaft, welche es uns zukünftig ermöglicht gemeinsam ökonomische und gesellschaftliche Ziele zu erreichen.

„[..] Trend ist ein wunderliches Wort. Wie man es ansieht, so schaut es zurück [..]“

Mit diesem Satz beginnt das Buch und es fasst auch sehr gut zusammen, wie Horx und Wippermann den Themenbereich umfassen. Einerseits in detailverliebter Entzückung und genialer mathematischer Struktur, andererseits als einen Begriff, der schwer zu fassen ist und mehr Philosophie als Wissenschaft darstellt.  Es werden alle Grundlegenden Methoden der Trendforschung wie semiotische Analysen, verschiedene projektive Verfahren usw. vorgestellt und mit anschaulichen Beispielen verbunden.

Das Buch ermöglicht es einen Überblick über das Thema Trendforschung zu bekommen und ist somit eine gute Basis um zukünftig in das Thema vertiefend einzusteigen.

Zusammenfassen lässt das Buch den Schluss zu, dass Trendforschung immer nur so gut ist, wie der, der sie betreibt und der, der die Ergebnisse schließlich auch anwendet. Denn ein Trend muss nicht immer binden sein, kann jedoch für immer binden.